Zum Inhalt springen

8 Ok

Wenn das Herz führt, tiefer lesen, stiller handeln
10. November 2025 durch
Chocopolitico
| Noch keine Kommentare

Wenn das Herz führt, tiefer lesen, stiller handeln

Heute ist im Tzolk’in 8 Ok. Im Haab fällt der Tag auf 8 Keh, begleitet vom Lord of the Night G. In der Symbolik der Maya steht Ok für das Herz, für Treue und Verbundenheit. Es ist das Zeichen des Hundes, des Begleiters, der loyal bleibt, auch wenn der Weg dunkel wird. Die Zahl Acht ist im Mayakalender eng mit Ausgleich, mit Balance zwischen Kräften verbunden. Nicht als perfekter Gleichstand, sondern als lebendige, atmende Harmonie. Man könnte sagen: 8 Ok lädt ein, mit dem Herzen verbunden zu bleiben, gerade dann, wenn es uns schwerfällt, nicht festzuhalten.

Festhalten ist zutiefst menschlich. Wir halten an Menschen, Bildern, Ergebnissen fest. An Selbstbildern. An Vorstellungen davon, wie Dinge zu sein haben. Wir verwechseln Bindung mit Besitz, Nähe mit Kontrolle. Und spüren doch zugleich, wie uns das Einengen beginnt, subtil, aber spürbar.

Das Yoga Sutra I.12 nennt zwei Qualitäten, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken, sich aber in Wahrheit gegenseitig bedingen: Abhyasa, die beharrliche Übung. Und Vairagya, das Loslassen. Zwei Bewegungen wie zwei Paddel in einem Kanu. Wer nur eines bewegt, dreht sich im Kreis. Wer beide in Einklang bringt, kommt voran, ruhig, gleichmäßig, mit innerem Kurs.

Abhyasa meint nicht Leistungsdruck. Es meint Auftauchen. Immer wieder. Präsenz kultivieren. Wieder und wieder die Entscheidung treffen, bewusst zu leben, auch in den kleinen Dingen. Vairagya hingegen ist kein Abwenden oder Gleichgültigwerden. Es ist die Fähigkeit, loszulassen, was nicht mehr dient. Raum zu lassen. Dem Leben zu vertrauen, auch wenn der Ausgang offen ist.

Diese beiden Kräfte, das Üben und das Loslassen, sind wie zwei Seiten desselben Herzens. Ohne Übung wird Loslassen zur Flucht. Ohne Loslassen wird Übung zur Verhärtung. Nur im Wechselspiel entsteht Stille. Und aus der Stille wächst Wirksamkeit.

Ich merke in mir selbst, wie stark die Versuchung sein kann, festzuhalten: an Rollen, Ergebnissen, Ideen, an der eigenen Vorstellung von Erfolg. Es fühlt sich stark an, außen. Innen wird es eng. Das Ego liebt Klarheit, Kontrolle, Wirkung. Doch die Seele braucht etwas anderes: Raum. Beweglichkeit. Vertrauen in das Nichtwissen.

In solchen Momenten hilft mir eine einfache Frage, fast schon wie ein Gebet: Wem diene ich gerade? Dem Ego oder der Sache selbst? Wenn es das Ego ist, spüre ich Druck. Wenn es die Sache ist, spüre ich Weite. Und manchmal sogar Freude. Ok, dieses Herzzeichen, erinnert mich an diesen Raum. Nicht romantisch verklärt, sondern klar und nüchtern: Beziehung, die nicht klammert. Nähe, die atmet.

Was heißt das konkret? Übung heißt für mich, nicht wegzubleiben. Pünktlich zu sein, auch innerlich. Zuhören, selbst wenn ich die Antwort längst im Kopf habe. Dabeibleiben, wenn’s ungemütlich wird. Loslassen wiederum bedeutet: nicht alles ausformulieren müssen. Ein Ergebnis stehen lassen, obwohl ich es noch schleifen könnte. Stille aushalten, ohne sie sofort zu füllen.

Wer beides übt, das aufrichtige Tun und das bewusste Lassen, beginnt, eine leise Form von Wirksamkeit zu entdecken. Eine, die nicht aufdrängt. Die nicht ruft: Schau her! Sondern einfach wirkt. Still. Konsequent. Nachhaltig. Sie bleibt, selbst wenn man längst nicht mehr spricht.

Vielleicht ist das die Einladung von 8 Ok: weniger zu leisten, aber mehr zu sehen. Nicht schneller zu werden, sondern richtiger. Und das Richtige erkennt man daran, dass weniger Anstrengung nötig ist, aber mehr Präsenz. Nicht Bequemlichkeit, sondern Tiefe. Nicht Effekt, sondern Echtheit.

Beziehung, Wirksamkeit, Führung, all das wird heute oft als Aktivität verstanden. Doch Ok erinnert: Führung ist auch, nicht zu tun. Auch im Nicht-Greifen liegt Handlung. Vielleicht sogar die wirksamste.

Wenn du heute etwas festhältst, frage dich: Wem dient es wirklich? Und wenn du heute etwas loslässt, schau, was bleibt. Manchmal ist das, was bleibt, die ehrlichste Form von Wirkung. Kein Effekt, sondern Nachklang.

Diese Gedanken, diese Bilder, sie verbinden zwei scheinbar weit voneinander entfernte Welten: die Weisheit der Maya und die Tiefe des Yoga Sutra. Warum ich beides zusammenbringe? Weil ich glaube, mehr noch: weil ich spüre, dass die Grundbewegungen des Menschseins überall ähnlich sind. Kulturen mögen andere Sprachen sprechen, andere Götter ehren, andere Kalender zählen, aber die Fragen, die sie stellen, kreisen um dasselbe: Wie lebt man richtig? Was hält wirklich? Was trägt durch Unsicherheit, durch Wandel, durch Beziehung?

Ok, das Herz, die Treue, die Verbundenheit, findet im Yoga Sutra seine Entsprechung in der Balance von Übung und Loslassen. Die Sprache ist verschieden, die Form auch. Doch die Haltung dahinter, der Geist, der ist universell. Wenn wir bereit sind, zuzuhören, entdecken wir diese Resonanzen überall. Und vielleicht ist das eine der großen Aufgaben unserer Zeit: nicht nur unsere eigenen Wurzeln zu ehren, sondern auch die anderer. Nicht, um alles zu vermischen, sondern um in der Vielfalt das Gemeinsame zu erkennen.

In diesem Sinne ist 8 Ok nicht nur ein Kalenderdatum. Es ist eine Erinnerung. Daran, dass Führung im Herzen beginnt. Dass Beziehung kein Besitz ist. Und dass tiefes Menschsein immer auch bedeutet: still zu üben und still zu lassen.


Ich versuche Maya und Yoga zu verbinden. Zum einen weil ich es wirklich spannend finde und zum anderen, weil beide Wege dasselbe suchen.

Bewusstsein, das im Herzen wurzelt und Beziehung die wirkt. Zwei Sprachen, eine Haltung. Beides erinnert mich daran, dass wir nicht mehr wissen müssen, sondern tiefer sehen lernen sollen.

Und dass jede echte Führung dort beginnt, wo wir still werden.

Anmelden , um einen Kommentar zu hinterlassen